Der Holzmantel: Bedeutung und Entstehung

Hier veröffentlichen wir die Rede von Dr. Beatrice Trost (Kunstmuseum Bayreuth), in der sie bei der Vernissage am 20.5.13 eine kunsthistorische Einordnung und Erläuterung der Skulptur „Holzmantel“ von Maik Scheermann vornahm und einen Einblick in den Entstehungsprozess gab.

Sehr geehrte Damen und Herren – lieber Maik Scheermann,

wir sind heute hier im Waldhaus Mehlmeisel zusammengekommen, um das achte Waldhausfest zu feiern und an diesem Tag ein Kunstwerk der Öffentlichkeit zu übergeben. Hier vor dem Waldhaus liegt oder steht, sagen wir: hier ruht seit wenigen Wochen eine große Kugel mit dem Titel „Holzmantel“. Sie ist das Werk des aus Halle stammenden Künstlers Maik Scheermann. Er hat 2012 für diesen Standort einen Wettbewerb gewonnen, den die Bioenergie-Region Bayreuth ausgeschrieben hatte. Mit dem Kunstprojekt Energy-in-art will sie die öffentliche Diskussion zum Thema Energiewende anregen. Als Landmarken sollen Kunstwerke an drei Standorten die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf sich ziehen und diese für unterschiedliche Themen der Energiewende sensibilisieren.

Seit November 2012 bewegt sich an der Grenze der Stadt Bayreuth ein Werk von Hannes Neubauer mit dem Titel „Indikator“. Es ist eine kinetische Skulptur, die in ihrer Bewegung die Energiequelle Sonne und deren Wirken auf der Erde symbolisiert.

Wurde diese Arbeit bewusst an einer Schnittstelle zwischen städtischem und ländlichem Raum platziert, befinden wir uns nun mitten im Fichtelgebirge, umgeben von dichten Wäldern, die das Thema dieser Landmarke vorgeben, die Energieholznutzung.

Schließlich wird in Wirbenz/Speichersdorf eine Installation mit dem Titel „Photosymbiose“ das Energiekunstprojekt abschließen.

Die einzelnen Landmarken werden von Satellitenprojekten umkreist, die Menschen aus der Region für das Thema Bioenergie interessieren sollen. Als Vertreterin des Kunstmuseums Bayreuth, das die Kunst der Moderne in die Region tragen möchte, habe ich mich besonders gefreut unter den Initiatoren der Satelliten „Energiekreislauf“ und „Perlen an einer Kette“ tatkräftigen Lehrkräften wieder zu begegnen, die die Angebote unseres Hauses in Bayreuth intensiv nutzen.

Hier im Waldhaus Mehlmeisel machen wir heute die Skulptur „Holzmantel“ öffentlich. Der  Aufbau vor dem Waldhaus in diesem Frühjahr ist in Bildern dokumentiert und wir möchten Sie an dem Werden teilhaben lassen.

In seiner Bewerbung hat Maik Scheermann seine Idee geschildert als eine „große Kugel aus Ästen“. – Bis Sie nun die Illusion erleben, eine große Kugel Holz sei aus dem Wald gerollt und hier zum Stehen gekommen, muss unsere Industriegesellschaft ihre Fähigkeiten zeigen.

Scheermann hat ein Holzmodell des Grundgerüstes des „Holzmantel“ mit seiner Bewerbung eingereicht. Sie werden es auf einigen Photos am Boden liegen sehen.

Der Standort war im Wettbewerb vorgegeben. Das Waldhaus Mehlmeisel ist ein Waldinformationszentrum im Fichtelgebirge auf einem Grundstück der Bayerischen Staatsforsten, vor allem aber ist es ein Platz für Entdecker.

Hier zeigt ein Lattengerüst die Position des neuen Kunstwerkes, fast 4,5 Meter soll der Durchmesser der Kugel betragen, am Erdboden angezeichnet ist der Umriss des notwendigen, 80 cm tiefen Betonfundamentes, in dem drei Stahlstützen verankert werden. Darauf wird eine Stahlkonstruktion montiert, sie ist das Gerüst der Skulptur, 800 Kilogramm Stahlrohr. Metallrohre werden an Knotenblechen miteinander verschraubt.

Die Form ist ein Pentakisdodekaeder. Das ist ein Polyeder, also ein Vieleck, das aus 60 gleichschenkligen Dreiecken zusammengesetzt ist. Sie sehen eine Form nahe an einer Kugel. Die Photos wecken in Ihnen hoffentlich die Vorfreude auf die nächste Schneesaison, sie verdeutlichen aber auch, dass es im Frühjahr hier noch lange kalt und schneereich sein kann.

 

Fichtenstämme in verschiedenem Durchmesser werden das Aussehen des Bildwerks prägen, 500 Stück sind es wohl. Vier Tonnen Holz sind im Staatsforst hier in der Nähe geschlagen worden und wurden für Maik Scheermann und seine im Forst erfahrenen Helfer bereitgelegt. Nun begann das Aufbinden der Fichtenstämme. Jeder einzelne Stamm wurde mit Edelstahlbindern an dem Stahlgerüst befestigt. Am besten ging dies zu Dritt: zwei Männer außen und ein Mann im Inneren des Gestänges, das erst später zur Kugel geschlossen wurde. Die dicksten Stämme machten in einer ersten Schicht den Anfang. Es folgte eine weitere Schicht mit dünneren Stämmen und eine dritte Schicht mit Ästen, so dass die Rundung der angestrebten Kugel entstehen konnte. Alle Holzstücke wurden passend gesägt, um dem Ziel, der Kugel, nahezukommen.

Das Material der Fichtenstämme spiegelt nach Ansicht des Künstlers „die forst- und energiewirtschaftliche Nutzung als geernteter, gestapelter bzw. gelagerter Rohstoff“. Die große Bedeutung von Holz als nachwachsender Rohstoff, der wichtigste aus Pflanzen gewonnene Rohstoff überhaupt und erneuerbarer Energieträger ist uns allen bewusst.

Maik Scheermann verknüpft dieses Material mit einer Form, die Menschen schon immer fasziniert hat, mit der Kugel. Für uns alle ist diese Form als Ball ein Begleiter seit den ersten Kinderspielen. Die Kugel ist körperhaft und damit lebendig, ein Symbol für größtmögliche Harmonie wie für geballte Energie. Mathematisch ließe sich beschreiben, dass die Kugel die kleinste Oberfläche von allen Körpern mit einem vorgegebenen Volumen hat und dass sie von allen Körpern mit vorgegebener Oberfläche das größte Volumen umschließt. Aber ich möchte Sie nicht verschrecken. Bleiben wir bei den Stichworten: einfach und komplex, die dichteste Form.

Der Künstler nutzt in seiner Arbeit unsere Kugelassoziation von Bewegung in mehreren Aspekten. So bezeichnet er sein Werk „als Holzvorrat, aus dem Wald gerollt und vor dem Waldhaus zum Stehen gebracht“. Weiterhin möchte Scheermann mit der fiktiven Bewegung der Kugel aus dem Wald heraus, aber auch in den Wald hinein auf die notwendige Nachhaltigkeit der Energieholznutzung hinweisen. Bäume „bedürfen auch der Regeneration, des Wachstums. Also zum einen der natürlichen Bewegung als auch des zeitweisen ökonomischen Stillstandes“. Maik Scheermann denkt mit seiner Arbeit an „die Zyklen der Natur und der Naturnutzung im Kreislauf aus Bewegung und (scheinbarer) Ruhe. Diese Zustände reflektieren Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft regenerativer Energieträger.“

Der Preisträger hat seiner Arbeit den Titel „Holzmantel“ gegeben. Für ihn verweist der Mantel aus Holz „auf die dünne belebte Schicht der Erdkruste, auf der sich alles Leben befindet“.

Für seinen Pentakisdodekaeder wird der Holzmantel zur „Raumrinde“, ein „Energieträger geladen mit potentieller Energie“.

Maik Scheermann hat eine Land Art-Skulptur geschaffen. In dieser Kunstbewegung gehört das Vergängliche, manchmal auch das Momentane zur Konzeption. Der Holzmantel wird in jeder Jahreszeit anders aussehen und sich mit jedem Jahr verändern, altern, ausbleichen und verwittern. Vielleicht erfüllt sich der Wunsch des Künstlers und Vögel entdecken den Holzmantel als Nistplatz. Ganz sicher erobern Pflanzen das Menschenwerk zurück. Mit einer Lebensdauer von zehn bis 15 Jahren wird Vieles möglich sein und Sie können als Besucher teilhaben an der Veränderung.

Scheermann wurde 1970 in Halle geboren, er hat nach einer Ausbildung zum Werkzeugmacher in Merseburg Chemie- und Umweltingenieurwesen studiert, bevor er sich der freien Kunst zuwandte und an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle ein Studium mit dem Schwerpunkt Plastik absolvierte. Maik Scheermann lebt und arbeitet in Berlin, er hat zahlreiche Arbeiten im öffentlichen Raum verwirklichen können, bei denen immer das Material Stahl im Vordergrund stand. Er wird gleich selbst zu Ihnen sprechen, außerdem präsentiert er hier im Waldhaus Arbeiten auf Papier oder besser, auf Folie. Ein urbaner Mensch ist er, nun aber Wald, Holz, Einsamkeit? Scheermann hat eine koreanische Frau, ebenfalls Künstlerin. Vielleicht rührt aus der Vertrautheit mit der asiatischen Kultur die spürbare Ruhe und Gelassenheit seiner Arbeiten, die an japanische Drucke denken lässt.

Kunst ist ihrer Idee nach ewig, in der Realität aber ist sie vergänglich. Die Witterung wird den Holzmantel verändern und für Kunst auf Zeit sorgen. Seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist das Kunstwerk auf Zeit eine geläufige Kunstform, etwa als Performance oder als Installation, aber auch als Land Art. Zu der gestalterischen Struktur gehört neben der Illusion des Seins die Dokumentation durch die Photographie und die thematische Festlegung durch einen aussagekräftigen Titel.

Erste Land Art-Projekte entstanden in Wüstenregionen der USA. Nach der Pop Art, die bewusst Konsumobjekte glorifizierte, und der Minimal Art, die industrielle Fertigungsprozesse in unseren Focus bringen wollte, wendet sich die Land Art Naturmaterial zu und dessen zyklischem Kreislauf. Die europäische Variante dieser Kunst wurde befördert durch die Ökologiebewegung der siebziger Jahre. Der Naturstoff ist gleichermaßen Artefakt und Naturmaterial, er wird selbst zur Kunst. Während in den USA Land Art in gigantischen Ausmaßen elementare Natur erleben lässt, steht die deutsche Naturkunst in der Tradition der Frühromantik und konzentriert sich auf das Detail. In der Objektkunst emanzipiert sich der Gegenstand, später sogar das Material.

In seinem Bestreben das verwendete Material aus der Landschaft, die hier geschlagenen Fichtenstämme, als Kunst in die Landschaft zurückzuführen, unterwirft sich Scheermann bewusst den Bedingungen der Landschaft und will sich auch  den zerstörenden Kräften der Natur aussetzen. Es ist ein Kunstschaffen, in dem Landschaft und Kunstzeichen denselben Gesetzen unterliegen.

Ein Beispiel für diese sanfte europäische Variante der Land Art bietet das Schaffen von Andy Goldsworthy aus Großbritannien. Er arbeitet ausschließlich mit Naturmaterialien, die er an Ort und Stelle vorfindet. Er dokumentiert seine teils gewagt fragilen Kunstwerke mit Photographien. Goldsworthy hat nicht die Absicht Spuren in der Natur zu hinterlassen, vielmehr gibt er die Artefakte der Natur wieder zurück. Sein Thema ist die Vergänglichkeit.

Die bislang spektakulärste Demonstration seiner Kunst fand 2000 im Sommer in London statt. Dreizehn tonnenschwere Schneebälle ließ Goldsworthy auf Londoner Straßen verteilen, er beobachtete die Reaktionen der Menschen und den vergehenden Schnee. Zwei Winter lang hatte der Künstler im schottischen Hochland diese Schneebälle gerollt. Sie schließen viele organische Materialien ein. Sie sehen, welche Freude der aufgetaute Stock diesem Londoner Hund bereitet.

Scheermann geht mit seiner Arbeit einen anderen Weg als Mo Edoga, der auf der Dokumenta in Kassel 1992 das Publikum mit einem „Signalturm der Hoffnung“ aus Schwemmholz der Fulda faszinierte. Er baut in Mannheim seit dieser Zeit immer wieder an seiner riesigen Himmelskugel. Edoga fixiert seine Schwemmholztürme und -kugeln ausschließlich mit Kabelbindern, er verbindet alles mit allem. Er erhebt das Chaos zum Ordnungsprinzip, Chaos ist für Edoga der Gigantismus der Ordnung, die Geometrie der Natur.

Sind wir ehrlich. Unsere Kinder lassen wir lieber in der Nähe eines Kunstwerkes spielen, das offensichtlich mit ingenieurwissenschaftlichen Berechnungen konstruiert wurde und nicht zusammenzufallen droht. So mahnt uns die Herstellung der Skulptur „Holzmantel“ aus Fichtenholz über Betonfundament und Stahlskelett bei aller positiven Euphorie für erneuerbare Energien nicht zu vergessen: Es ist unsere energiehungrige, industrialisierte Gesellschaft, der das Meisterstück der Energiewende gelingen muss und die dies auch nur aufgrund ihrer beachtlichen innovativen Kraft schaffen kann.

Die Stadt Münster veranstaltet seit 1977 in zehnjährigem Turnus ein Projekt für Kunst im öffentlichen Raum, um die Bevölkerung für moderne Ausdrucksformen zu gewinnen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hat eine Arbeit von Claes Oldenburg große Popularität gewonnen und ist zu einem Wahrzeichen Münsters geworden. Oldenburg nannte seine drei Betonkugeln „Giant Pool Balls“. Diese gigantischen Billardkugeln ruhen am Ufer des Aasees. Claes Oldenburgs Ausgangsüberlegung war die Fiktion, der Aasee sei die Spielfläche für diese Kugeln. Er thematisierte mit den Stilmitteln der Pop Art, also mit Vergrößerung und Materialverfremdung, und bettete dies ein in eine Alltagsikonographie.

Beredtes Zeugnis eines Land Art-Projektes in Schleswig-Holstein ist die Arbeit des Bochumer Künstlers Diethelm Koch in Marne aus dem Jahr 1996. Koch hat bevorzugt die Materialien Holz und Stahl kombiniert. In Marne hat er auf einem stillgelegten Bahngleis eine riesige Stahlkugel platziert. Sie blockiert die Schienen, ist jedoch auch trotz ihrer Größe und ihres Gewichtes ein Symbol für das Rollen.

Aspekten beider Arbeiten begegnen wir in dem Holzmantel Maik Scheermanns, auch hier erweckt die Kugel die Illusion von gerollter Bewegung und die Größe lässt uns den Riesen erwarten, der dieses Spielzeug aus den Augen verloren hat. Weiterhin führen uns die Arbeiten von Oldenbourg und Koch vor Augen, wie entscheidend die räumliche Situation für ein Kunstwerk ist. Es lebt von dem spannenden Dialog mit dem Ort. Auf der anderen Seite macht die Kraft der Skulptur einen Ort auch neu erlebbar.

Dies gelingt auch Werner Bitzigeio mit seiner Arbeit aus Draht, 1,8 Tonnen schwer, aber durchlässig und „federleicht“ in liebliche Landschaft gesetzt. 2007 hat Bitzigeio 2500 Metern Betonstahldraht Ruhe abgewonnen, nur aufgrund der besonderen Qualität der Form, nämlich einer Kugel.

Die Jahresläufe werden den Holzmantel von Maik Scheermann verändern. Er ist nicht für die Ewigkeit geschaffen. Auch dadurch steht er für das Menschliche im Kreislauf der Natur, für Werden und Vergehen, was wir Menschen wieder stärker akzeptieren müssen, wenn wir unseren Planeten nicht zugrunde richten wollen. Wir müssen weg vom Raubbau, hin zu einem Wirtschaften, das die Ressourcen der Erde schont. Scheermanns Werk ist ein Mantel, ein Mantel bietet Schutz, aber er ist dünn, der Holzmantel – wie unsere Erdkruste, mit der wir nur zu oft gedankenlos umgehen.

Johann Wolfgang von Goethe hat sich im Jahr 1800, auch in einer Zeit grundlegender Veränderungen, in einem Sonett mit den Kräften von Kunst und Natur beschäftigt. Es beginnt mit folgenden Worten:

„Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen, und haben sich, eh´ man es denkt, gefunden; der Widerwille ist auch mir verschwunden, und beide scheinen gleich mich anzuziehen.“

So wünsche ich Ihnen, dass der Zweiklang aus diesem besonderen Ort im Wald und der neuen Skulptur Maik Scheermanns Sie begleiten wird. Vielen Dank.

Mehlmeisel, den 20.5.2013

Dr. Beatrice Trost, Kunstmuseum Bayreuth

 

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