Prof. Dr. Kai Uwe Schierz erklärt Photosymbiose

Rede-Professor-Schierz-2Auszüge aus dem Vortrag von Prof. Dr. Kai Uwe Schierz (Direktor der Kunstmuseen der Stadt Erfurt) zur Bedeutung der Skulpur Photosymbiose von David Mannstein und Maria Vill, gehalten am 30.7.2013 in Wirbenz (Lkr. Bayreuth). 

David Mannstein & Maria Vill: Photosymbiose

Am Ortsrand des Speichersdorfer Ortsteiles Wirbenz auf einem gemeindeeigenen Grundstück, in unmittelbarer Nachbarschaft einer der größten Biogasanlagen der Bioenergieregion Bayreuth, hat das Berliner Künstlerduo David Mannstein & Maria Vill im Auftrag der regionalen Initiative „energy in art“ eine moderne Skulptur aus Edelstahl, Photovoltaik-Energiegewinnung und LED-Leuchtschrift geschaffen, die sie „Photosymbiose“ nennen. Das Ensemble besteht aus einem Blatt und einer Blüte, welche die Künstler formal dem wohlbekannten, weil überall auf mitteleuropäischen Wiesen und Feldrainen heimischen Spitzwegerich-Kraut nachempfunden haben. Das Blatt ist aus planen Metallflächen konstruiert; auf sechs dieser Flächen befinden sich Photovoltaikelemente. Diese wandeln die Lichtenergie der Sonne in Elektroenergie um, die wiederum die Voraussetzung bildet, dass am Blütenstängel die LED-Elemente aufleuchten können. Die vertikal lesbare Leuchtschrift, die uns aus urbanen Kontexten vertraut ist, dort Nachrichtentexte und Werbebotschaften an die Frau und den Mann bringt, übermittelt hier Botschaften ganz anderer Art: Lyrik und poetische Reflexionen im allgemeinen Sinne, die das Naturverhältnis des Menschen thematisieren. Des Menschen? Mannstein und Vill lassen viele Menschen an ihrem Werk teilhaben, indem sie dazu einluden – und das auch immer noch tun –, thematisch passende Textvorschläge einzureichen, die für die Wiedergabe auf der LED-Zeile programmiert werden. Zahlreiche Texte – zumeist Zitate von Gedichten aus unserer literarischen Tradition, aber auch philosophische Aphorismen und selbst formulierte Gedanken der Einreicher – leuchten nun in den Abend über der ländlichen Flur. Natürlich sind die Texte am besten abends zu lesen, wenn die angehende Dunkelheit die Kontraste entsprechend verstärkt.

Die Arbeit „Photosymbiose“ setzt die Intention der Initiative „energy-in-art“ auf sehr eindrückliche und direkte Weise um, möglichst viele Menschen in der Region um Bayreuth und im Fichtelgebirge mit Kunstprojekten, an welchen Laien und renommierte Künstler mitwirken, zu einer vertieften und persönlich motivierten gedanklichen Auseinandersetzung mit den tiefgreifenden Prozessen der Energiewende einzuladen. In diesem Zusammenhang wurde die „Photosymbiose“ als eine Landmarke gesetzt, die den Aspekt der Nutzung erneuerbarer Energien als Form eines neuen, ökologisch verstandenen Bewusstseins mit den dafür notwendigen partizipatorischen Rahmenbedingungen verknüpft, denn die Energiewende wird getragen von vielen Einzelinitiativen, die aus der Mitte der Bürgergesellschaft kommen. Es geht ganz zentral um das Engagement möglichst vieler für die Zukunftsaufgabe, Energie dezentral und ökologisch verträglich zu erzeugen und zu verbrauchen. In diesem Kontext bedeutet die Einladung des Künstlerduos, Texte für die Ausstrahlung auf dem Blütenstängel ihres Spitzwegerich-Ensembles einzureichen, mehr als nur eine gefällige Aktion zum Mitmachen. Das Einspeisen selbstgewählter Textvorschläge stiftet Identifikation – mit dem Thema, mit dem Kunstwerk und nicht zuletzt auch mit der Region, die die Initiative „energy-in-art“ in Gang hält.

Bewusst setzt der Titel des Werks – „Photosymbiose“ – Assoziationen zu biochemischen Prozessen in Gang, denkt man doch zuerst an die Photosynthese, die es Bakterien und Pflanzen erlaubt, mit Hilfe von Sonnenenergie anorganische, energieärmere Stoffe wie Kohlenstoffdioxid in energiereiche organische Verbindungen wie Kohlenhydrate umzuwandeln. Ein ganz elementarer Vorgang für die Etablierung von Leben in unserem Universum. Dieser Vorgang wiederum wird erst durch das Vorhandensein von Kohlenstoffen in unserer Welt ermöglicht; von Sternenstaub, wie man sagen kann, denn Kohlenstoff, Sauerstoff und Eisen sind jene durch solare Kernfusion entstandenen Elemente, die durch gewaltige Supernova-Explosionen in den Raum geschleudert wurden, sich erneut zu solaren oder planetaren Gebilden verdichteten und so die Voraussetzung allen Lebens bildeten. Das Kunstwerk von David Mannstein und Maria Vill wandelt Sonnenenergie direkt in Lichtenergie und indirekt, also metaphorisch, in leuchtende Lyrik und philosophische Gedanken um. Die Betrachter bzw. Leser der Skulptur werden angeregt, daraus ihr eigenes, persönliches Verhältnis zur Natur zu reflektieren.

Dieses persönliche Verhältnis beginnt mit der Aufmerksamkeit für die kleinen Dinge und Vorgänge in der Natur. Ganz bewusst haben die Künstler keine landwirtschaftliche Nutzpflanze für ihre Arbeit ausgewählt, sondern Spitzwegerich, ein Kraut, das auf fränkischen Wiesen wächst – zahlreich auch auf der Wiese, auf der die Skulptur nun steht. Es handelt sich um eine ausdauernde, krautige Pflanze, die bis zu 50 Zentimetern hoch wächst und kleine, unscheinbare Blütenstände hat. Man könnte sie glatt übersehen, und manche Zeitgenossen halten sie für Unkraut, das man von den Kulturpflanzungen fernzuhalten trachtet. Doch sind die jungen Triebe schmackhaft, sind also als Bestandteil von Kräutersalaten gut zu gebrauchen. Auch Meerschweinchen und andere Pflanzenfresser wissen den aromatischen Geschmack sehr wohl zu schätzen. Unbezweifelt ist auch die heilende Wirkung verschiedener Substanzen der Pflanze bei Husten und anderen entzündlichen Prozessen der Atemwege. In die deutsche Kunst hielt das Wegerich-Kraut mit dem „Großen Rasenstück“ Einzug, das Albrecht Dürer 1503 zeichnete. Allerdings findet sich dort nur der Breitwegerich wiedergegeben, neben Knäuelgras, Ehrenpreis, Schafgarbe, Gänseblümchen und Löwenzahn. Dennoch ist dieses Blatt, das heute in der Albertina in Wien verwahrt wird, ein wichtiger Meilenstein für das Erwachen eines Bewusstseins für die Schönheiten im Unscheinbaren und für den genauen Blick auf die Vielfalt der natürlichen Erscheinungen, aus dem sich schließlich eine ganzheitliche und ökologisch orientierte Perspektive bilden kann. Darauf baut die Arbeit von David Mannstein und Maria Vill auf. Sie erweitern diese Perspektive mit Hilfe der teilnehmenden Bürgerinnen und Bürger durch sprachliche Formen der Naturverehrung, von den Überlieferungen der Cree-Indianer über einen Ausspruch des Sokrates, den Sonnengesang des Franz von Assisi, die Barocklyrik des Philipp von Zesen bis zu bekannten Literaten wie Heinrich Heine, Theodor Fontane und Hermann Hesse. Alle diese Zeugnisse unserer Weltsicht und unseres Denkens und Fühlens verbindet die Einsicht, dass wir Teile eines größeren Ganzen sind – und also symbiotisch mit dem weit verzweigten und hochkomplexen Naturgeschehen verbunden. Unser Handeln sollte dieser Einsicht entsprechen – so der Appell des Werks „Photosymbiose“.

Der Entwurf überzeugt durch seine direkte Auslegung des Themas und seine partizipatorischen Möglichkeiten, ohne doch oberflächlich oder banal zu wirken. Es geht um das möglichst Einfache mit verblüffender Wirkung, um kleine Eingriffe, die sensibel auf orts- und themenspezifische Eigenheiten reagieren und so komplexe Assoziationen ermöglichen. Man könnte es als das Credo der beiden Konzeptkünstler bezeichnen – und als eine Vorgehensweise, die offensichtlich überzeugt und erfolgreich ist.

Dabei verstehen sich Maria Vill und David Mannstein, die an der Bauhaus Universität Weimar Freie Kunst studierten und seit 1999 gemeinsam an Projekten der Kunst im öffentlichen Raum arbeiten, nicht als Allroundkünstler, die sich alles und jedes zutrauen. Ihr Metier ist das Finden einer schlüssigen Idee, die auf eine spezielle Aufgabenstellung reagiert, diese mit den Mitteln der zeitgenössischen Kunst zum Ausdruck bringt. Für die materielle Umsetzung ihrer Ideen arbeiten sie mit Fachleuten aus verschiedenen Bereichen zusammen: mit Metallbauern, Statikern, mit Programmierern und Elektrotechnikern beispielsweise. Im Prozess dieser Zusammenarbeit verändern sich ihre Ideen insoweit, wie es die technischen und organisatorischen Rahmenbedingungen erfordern. Manchmal waren es aber auch die sozialen Rahmenbedingungen, die zur Anpassung ihrer Ideen zwangen, denn nicht alles, was Künstlerinnen und Künstler für die öffentlichen Räume unserer Gemeinwesen entwerfen, wird von diesen kritiklos angenommen und honoriert. Gerade in dieser Flexibilität, die auf spezielle Umstände reagiert, ohne die Grundidee des jeweiligen Entwurfs zu verfälschen, liegt die Professionalität des Künstlerduos begründet, das mittlerweile auch national und international zu Wettbewerben für Kunstprojekte im öffentlichen Raum eingeladen wird.

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